Warum halten sich negative Gamerklischees in Deutschland?

Wenn man Gamer fragt, ob sie bei einer Bewerbung ihr Hobby mitsamt des bevorzugten Genres in den Lebenslauf schreiben würden, erhält man ein klares Nein.

Fragt man entgegen Fußballfans (die Brüllenden, nicht die Spielenden) ob Sie Ihr Interesse auch im beruflichen Umfeld kundtun würden, meint immerhin schon die Hälfte, dass man sich dafür nicht schämen muss.

Woran liegt das? Sind wir hier in Deutschland klischeemäßig vielleicht noch in den frühen 2000ern unterwegs? Dort wo 21 Uhr im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus dem Zusammenhang gerissene Reportagen mit mäßiger Recherche laufen, in denen mal wieder „bewiesen” wird, dass der Computerspieler ein sozial isolierter und gewaltbereiter Aussenseiter ist?

Hat uns diese Berichterstattung, welche das niedere Ziel hatte, aus Tragödien möglichst hohe Quoten zu ziehen, wirklich so stark beeinflusst, dass selbst heute noch ein Hauch von Tabu um dieses Thema schwebt?

Schauen wir uns mal die Fakten an:

Nix mit Minderheit!

Was gibt es denn da eigentlich noch an Gründen, es einem Bewerber übel zu nehmen, wenn er offen dazu steht zu zocken? Ist diesem Bewerber nicht sogar der Vorzug zu geben? Immerhin traut sich dieser Kandidat, offen zu sagen, was er in seiner Freizeit tut. Erfordert es denn nicht Charakter, zu einem Hobby, welches immer noch mit Klischees behaftet ist zu stehen?

Wie viel Mut ist nötig ein gesellschaftlich akzeptiertes Hobby in den Lebenslauf zu schreiben? Richtig gar keiner.

Heißt es denn nicht an allen Ecken und Enden, dass wir Querdenker und auch gleichzeitig kreative Köpfe brauchen?

Kann in einer Geschäftsatmosphäre, in der das Hobby von 46 % der Bevölkerung entgegen aller Fakten als unproduktive Kinderbeschäftigung abgetan wird,Kreativität überhaupt erwartet werden?

Wenn man sich die heutigen Bewerbungen anschaut, gleicht eine der anderen. Kreativ, flexibel, teamfähig, das sind alle. Kaum jemand traut sich noch, aus der gängigen Norm auszubrechen.

Der Gamer und die Arbeit

Wahrscheinlich locken deswegen auch Startups, trotz wesentlich schlechterer Bezahlung und unsicheren Arbeitsbedingungen die kreativsten und klügsten Köpfe unserer Gesellschaft an. Denn hier wird selten jemand in ein 60 Jahre altes Korsett gepresst.

Denn hier kommt es tatsächlich rein auf die Leistung des Menschen an und nicht auf seine Fähigkeit, im Takt mit zu marschieren. Der Leistungsgedanke ist übrigens etwas, was dem angeblich so faulen Zocker regelrecht antrainiert wird. Denn jedes Spiel folgt dem Grundmuster:

  • Ziel erkennen
  • Mögliche Weg ausfindig machen
  • Auf das Ziel hinarbeiten
  • Währenddessen die eigenen Fähigkeiten verbessern
  • Ziel erreichen
  • Neues Ziel suchen

Das sieht doch schon nach einer leistungsorientierteren Einstellung aus als es bei vielen Sportfans der Fall ist:

  • Spielregeln einmal verstehen
  • Verein suchen und dessen Fan werden
  • Herausfinden, welcher Verein der Feind meines Vereines ist
  • Diesen Verein aus Rudelzwang hassen, die Mitglieder persönlich beleidigen
  • Alle anderen Spiele langweilig finden

Trotz aller Fakten habe ich leider keine überzeugende Antwort auf die Eingangsfrage. Warum ist also Zocken in Deutschland immer noch nicht so gesellschaftlich anerkannt, dass man auch ohne Angst in einer Bewerbung darüber reden könnte? Was muss passieren, das auch Erwachsene noch Spaß haben dürfen ohne sich als kindisch bezeichnen zu lassen?

Wenn du dazu Ideen hast, lass einfach einen Kommentar da.

Ich freue mich auf jeden Fall auf den Tag, wo die Erwähnung des Hobbys „Videospiele” in einem Vorstellungsgespräch nur noch eine Frage aufwirft: „Was zocken Sie denn so”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü